Das Modell des Kaiser-Wilhelm-Denkmals

Ein Monument der Kaisertreue

Modell des Kaiser-Wilhelm-Denkmals

Von den Zeitgenossen als Gründer des Deutschen Kaiserreiches hochgeachtet, wurden Wilhelm I., dem deutschen Kaiser und König von Preußen, nach seinem Tod 1888 bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges Hunderte von Denkmälern errichtet. Die Verehrung nationaler Helden stiftete vermeintlich Sinn in einer Zeit großer sozialer Gegensätze und Umwälzungen sowie ständig neuer technischer Entwicklungen, die die Arbeitswelt im Gefolge einer weltweit um sich greifenden „Industriellen Revolution“ veränderten.

Fast ein halbes Jahrhundert lang besaß Erlangen denn auch ein „Kaiser-Wilhelm-Denkmal“ (das zweite in Bayern nach Wirsberg im Frankenwald) auf einem gleichnamigen Platz. Neun Jahre vergingen von der Idee bis zur Ausführung. Eine Bürgerinitiative königs- und reichstreuer Erlanger, Professoren der hiesigen Universität, städtische Beamte und Offiziere, kümmerte sich um die Finanzierung des Projektes. Aus den Reihen der zunehmend organisierten, klassenbewussten Industriearbeiterschaft kam aus gutem Grund weder Geld noch Beifall.

Die Bürgerschaft entschied sich dann für die im 19. Jahrhundert vielfach variierte Denkmalsform eines Obelisken, den man preiswert auf der Nürnberger Gewerbeausstellung erstand. Lokalisiert wurde der elf Meter hohe marmorne Obelisk auf dem „Rondell“, dem heutigen Lorlebergplatz. Der neue, kreisrunde Stadtplatz verband das durch den zügigen Bau von Kasernen, Universitätsinstituten und -kliniken sowie zweier Großbetriebe (RGS, Kränzlein) damals entstandene Neubaugebiet des Stadtostens mit dem Rest der Stadt. Bei der Einweihung des Denkmals am 100. Geburtstag des Kaisers 1897 erhielt er den Namen „Kaiser-Wilhelm-Platz“.

Mitten im Krieg, 1942, wurden die vier Bronzemedaillons für die „Väter“ der Reichsgründung trotz vorhersehbar geringen Metallgewinns vom Obelisken abmontiert, weshalb er seinen Sinn als nationales Denkmal verlor. Vier Jahre später brach man ihn – zu Recht – vollends ab und gab dem Platz seine heutige Bezeichnung.

In der Museumssammlung hat sich das Modell des alten Obelisken erhalten. Und mit ihm beginnt (bezeichnenderweise) der Bestandskatalog, der um 1932 erstmals systematisch angelegt wurde. Zum hölzernen Objekt gehören auch vier Medaillon-Miniaturen: die größte mit dem Brustbild des Kaisers von der Westseite des Obelisken. Die kleineren Medaillons am Sockel zeigen das für die Südseite entworfene Konterfei des bayrischen Königs Ludwig II. (wichtig für die bayerischen Patrioten, die aufgrund der von Bismarck klug implementierten Schutz- und Trutzbündnisse Preußens mit den süddeutschen Staaten sogleich in den preußisch-deutschen Krieg gegen Frankreich zogen), das Doppelporträt von Bismarck (dem „Schmied der Einheit“) und Moltke (dem siegreichen Feldherrn) der Ostseite und das Bild von Friedrich III., dem unglücklichen sog. „Hundert-Tage-Kaiser“ und direkten Nachfolger von Wilhelm I., der Nordseite.

Unabhängig vom Inhalt hatte die hochragende Form die Mitte der großstädtischen Backstein-Architektur im variablen Stil des Historismus rund um den Platz akzentuiert. Und sie war Wegweiser für den schnurgeraden Straßenzug vom Bahnhof aus entlang der Universitätsstraße nach Osten. Alle Ansätze, nach 1945/49 die Platzmitte neu zu betonen, sind bislang im Sande verlaufen. Weder wurde die von einem Erlanger Architekten vorgeschlagene Säule umgesetzt (1946), noch der von Helmut Lederer für eine gleichzeitig ornamentale Platzpflasterung skizzierte „Obelisk“ für Lorleberg (1. Platz eines Kunstwettbewerbes 1962). Zuletzt an einer knappen Stadtratsmehrheit gescheitert ist auch das Kunstwerk eines farbigen „Email-Obelisken“ als „Denk-mal“ von Herbert Martius (1999). Schreckt man vor einer aus ästhetischen Gründen notwendigen Wiederholung einer „hohen“ Lösung zurück, weil man die Kopie der überholten Symbolik fürchtet? Es spricht einiges dafür. Stattdessen bleibt es bei Weihnachtsbäumen, Pin-Nadeln, Fronleichnams-Prozessionen und temporären Kunstaktionen an dem städtebaulich markanten Platz.

Gertraud Lehmann

 

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